Texte

Der Startpunkt ist das Gehen. Ich überquere Territorien, hier und in der Ferne. Territorien, die mich herausfordern. Es gibt diesen Begriff der Kreuzung. Von einem Gebiet zum anderen, von einer Grenze zur anderen, vom Unterholz ins Niemandsland. Ich fühle mich von diesem Prozess angezogen. Von der Sammlung visueller Fragmente durch das fotografische Medium auf der einen Seite, bis zu ihrer Transkription, Zeile für Zeile auf dem Papier auf der anderen.


Meine ikonografischen Entscheidungen sind dann Teil eines globaleren Ansatzes des Interesses für die lebenden und alten Ökosysteme, die bedroht sind. Diese Herangehensweise führt dazu, dass ich durch den Besuch verschiedener Seiten in Spannung gerate. Ich reise durch Frankreich und Deutschland, hauptsächlich um militante, assoziative und künstlerische Gemeinschaften zu treffen. Diese Entscheidung, in fragile Territorien einzutauchen und mich in die Botschaften von Aktivismus und Umweltfragen zu vertiefen, erlaubt mir dann, diese Summe von Landschaftsfragmenten grafisch umzusetzen.

Aus diesem Eintauchen in die Landschaft entstehen Zeichnungen, aber auch Panoramen, die meist lokalisiert sind und die alle eine Dichotomie zwischen zwei Welten darstellen: Darstellungen der Natur, die wenig anthropisiert sind, stehen im Gegensatz zu anderen, in denen die Gewinnung von Rohstoffen im Vordergrund steht. Der Begriff der Landschaft in meiner Praxis kann also unter verschiedenen Regimen gelesen werden und ist vielfältig. Ich versuche, gesellschaftspolitische Bestrebungen in sie einzuschreiben, um aktuelle Themen unserer Zeit herauszuarbeiten. Die Themen sind natürliche Ressourcen und deren Ausbeutung, ererbte, transformierte und neugeformte Landschaften.

Ich betrachte die Landschaft als Zeuge menschlicher Aktivitäten und neige dazu, aus dieser hartnäckig blinden Grammatik heraus das Kippen, das Unentrinnbare, den Schwindel oder das Ausradieren wahrnehmbar zu machen.

Die Landschaft ist das Spiegelbild unserer Gesellschaft und in diesem Zusammenhang hinterfrage ich die geologische Prägung des Menschen in der Gegenwart und Zukunft des Planeten, um eine Darstellung dessen vorzuschlagen.

Heute werden die wichtigsten Wälder, die unseren Planeten vor der globalen Erwärmung schützen und die Heimat vieler Tier- und Pflanzenarten sind, zerstört, um Platz für leere Gebiete zu schaffen. Unsere Welt ist mehr und mehr feindlich gegenüber der Lebensvielfalt. Genauer gesagt, um die Bedingungen für unser modernes westliches Leben zu schaffen, sind wir gezwungen, Räume des Nichtlebens zu schaffen. Mein Ziel ist es also, durch die Zeichnung die Auswirkungen des Menschen auf seine natürliche Umgebung wahrnehmbar zu machen. Die Landschaften, die ich durchquert habe, sind per Definition dazu bestimmt, zu verschwinden. Aus dieser Ansammlung von visuellen Daten versuche ich, einen Raum zu rekonfigurieren, unseren, den wir verlieren.

Emmanuel Henninger, märz 2021