Texte

“Was passiert, wenn Vegetation und Erdboden vom Menschen zerstört werden, legt Emmanuel Henninger in seiner künstlerischen Arbeit offen. Mit dem Mittel der Zeichnung rückt er Motive in den Blickpunkt, welche die Ausbeutung natürlicher Ressourcen in Frankreich und Deutschland und die damit einhergehenden massiven Eingriffe in unsere Umwelt greifbar machen.


Die achtteilige Zeichnung Open Pit Mine zeigt die Zerstörung pharaonischen Ausmasses im Braunkohlerevier Hambach in Nordrhein-Westfalen. Dieser größte Braunkohletagebau Mitteleuropas, der in Deutschland für einen erheblichen Anteil der CO2-Emissionen verantwortlich ist, entstand Ende der 1970er Jahre. Hierfür wurde der Hambacher Forst, einer der letzten Urwälder Deutschlands, fast komplett gerodet. Nur dank der hartnäckigen, mehrjährigen Besetzung durch Öko-Aktivisten konnte der noch verbliebene Teil des Waldes gerettet werden.  


Was zunächst wie eine weite, felsige Canyonlandschaft aussieht, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ein Territorium bar jeder Vegetation, dessen Erdreich und Gestein von monsterartigen Maschinen abgetragen wurden, um zu den tieferen, profitbringenden Braunkohleschichten vorzudringen. Dabei scheint die große Sorgfalt bei der Wiedergabe, jedes einzelnen Bildelements dieses Panoramas in direktem Kontrast zu dem brutalen Eingriff in die Natur zu stehen. 

In seinen Skizzenbüchern hat der Künstler eine Vielzahl von Zeichnungen angefertigt, die die verschiedenen Aspekte dieses Waldgebiets, das direkt gegenüber dem Kohleabbaugebiet liegt, einfangen. Breitere Perspektiven wechseln sich ab mit fragmentarischen Ansichten von frei wachsenden und miteinander kommunizierenden Pflanzen. Durch die langsame und eindringliche Aneignung dieser Motive drückt der Künstler seinen Respekt und seine Bewunderung für diese beeindruckende Natur aus, die zu schützen unsere Aufgabe ist.”

Viktoria von der Brüggen, Januar 2021

Kunsthistorikerin, selbstständige Kuratorin
Katalogauszug: “Des herbes folles“, CEAAC


Der Ausgangspunkt ist das Gehen. Ich überquere Gelände, hier und in der Ferne. Gelände, die mich herausfordern. Es gibt diesen Begriff der Kreuzung. Von einem Gebiet zum anderen, von einer Grenze zur anderen, vom Unterholz ins Niemandsland. Ich fühle mich von diesem Prozess angezogen. Von der Sammlung visueller Fragmente durch die Fotogrqphie bis zu ihrer Transkription, Strich für Strich auf dem Papier.


Meine ikonografischen Entscheidungen sind weiter Teil eines globaleren Ansatzes des Interesses für die lebenden und alten Ökosysteme, die bedroht sind. Diese Herangehensweise leitet mich dazu, vor Ort zu gehen indem ich weitere Spannungsfelder überquere. Ich reise durch Frankreich und Deutschland, hauptsächlich um Aktivisten, Vereine und künstlerische Gemeinschaften zu treffen. Diese Entscheidung, in fragile Territorien einzutauchen und mich in die Botschaften von Aktivismus und Umweltfragen zu vertiefen, erlaubt mir dann, diese Summe von Landschaftsfragmenten grafisch umzusetzen.


Aus diesem Eintauchen in die Landschaft entstehen Zeichnungen, aber auch Panoramen, die meist lokalisiert sind und die alle eine Dichotomie zwischen zwei Welten darstellen: Darstellungen der Natur, die wenig anthropisiert sind, stehen im Gegensatz zu anderen, in denen die Gewinnung von Rohstoffen im Vordergrund steht. Der Begriff der Landschaft in meiner Praxis kann also unter verschiedenen Aspekten gelesen werden und ist vielfältig. Ich versuche, gesellschaftspolitische Bestrebungen in sie zu implementieren, um aktuelle Themen unserer Zeit herauszuarbeiten. Die Themen sind natürliche Ressourcen und deren Ausbeutung, ererbte, transformierte und neugeformte Landschaften.


Ich betrachte die Landschaft als Zeuge menschlicher Aktivitäten und neige dazu, aus dieser hartnäckig blinden Grammatik heraus das Kippen, das Unentrinnbare, den Schwindel oder das Ausradieren wahrnehmbar zu machen.


Die Landschaft ist das Spiegelbild unserer Gesellschaft und in diesem Zusammenhang hinterfrage ich die geologische Prägung des Menschen in der Gegenwart und Zukunft des Planeten, um eine Darstellung dessen vorzuschlagen.


Heute werden die wichtigsten Wälder, die unseren Planeten vor der globalen Erwärmung schützen und die Heimat vieler Tier- und Pflanzenarten sind, zerstört, um Platz für leere Gebiete zu schaffen. Unsere Welt ist mehr und mehr feindlich gegenüber der Lebensvielfalt. Genauer gesagt, um die Bedingungen für unser modernes westliches Leben zu erhalten, sind wir gezwungen, Räume des Nichtlebens zu schaffen. Mein Ziel ist es also, durch die Zeichnung die Auswirkungen des Menschen auf seine natürliche Umgebung wahrnehmbar zu machen. Die Landschaften, die ich durchquert habe, sind per Definition dazu bestimmt, zu verschwinden. Aus dieser Ansammlung von visuellen Daten versuche ich, einen Raum zu rekonfigurieren. Unseren Raum, den wir verlieren.

Emmanuel Henninger, märz 2021