Projekt 2019/2020

„Formen der Sensibilität für die Lebenswelt“

Grenzen überschreiten: Das Projekt formuliert verschiedene Zielsetzungen. Zum einen zielt es darauf ab Grenzen zu überschreiten, um neue Perspektiven entstehen zu lassen und unsere nationale, internationale und/oder europäische Verbindung zu Natur, Landschaft und Umwelt zu hinterfragen. Dafür werden Expeditionen in bestimmte Gebiete in Frankreich, Deutschland und Österreich unternommen. Durch das physische Überschreiten von Grenzen sieht sich das Projekt als eine Bestandsaufnahme unserer Einflüsse; als Mensch, als Mensch auf die Natur und ob diese Einflüsse denn ähnlich oder doch anders sind als die unserer Nachbarn. Indem die Reiseroute die verschiedenen Gebiete durchdringt, entstehen automatisch besondere Kulturkontakte, die schließlich in einem gemeinsamen Lernen münden können. Genauso kann die Reise leisten, durch die Ortswechsel ständig neue Impulse zu schaffen: Während der gesamten Reise durch die Länder wird das Projekt die Netzwerke von Naturpädagogik, Wissenschaftlern, Künstlern und Bürgerinitiativen durchdringen.

Formen der Sensibilität für die Lebenswelt: Zum anderen geht es in dem Projekt darum, den ökologischen Fußabdruck des Menschen innerhalb der Zukunftsfrage des Planeten durch Zeichnung, Malerei und grafische Techniken (Radierung, Lithographie) zu hinterfragen. Das Projekt zielt daher auf die Förderung einer Kultur der Resilienz ab und kann in künstlerischen Erzählungen über die Transformation von Erde und Landschaft verankert werden. Genauer gesagt zielt das Projekt darauf ab, die Auswirkungen des Menschen auf seine natürliche Umwelt in die künstlerische Praxis zu integrieren und Strategien zur Anpassung an ökologische Veränderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu präsentieren. Der Projektzeitraum von 8 Monaten (3 Monate: Reisen / 2 Monate: künstlerische Praktiken / 3 Monate: Reisen) bedeutet durch die Länder zu reisen und dabei visuelle Fragmente rund um Umwelt und Landschaft in Frankreich, Deutschland und Österreich zu sammeln. Die durchquerten Landschaften (Hambacher Forst, Wackersdorf, Gorleben, etc.) sind per Definition zum Verschwinden bestimmt. Das Sammeln von visuellen Daten um diese Landschaften herum wird somit ebenso einen historischen Wert haben: Das Projekt setzt sich als Ziel, Porträts von Naturfragmenten und Landschaften zu realisieren, illustrieren und zu zeichnen, die nach der Beenden des Projekts verschwunden sein werden. Das Projekt lässt sich als eine Fährtenarbeit verstehen, die unsere Formen der Sensibilität für die Lebenswelt untersucht: Worauf achten wir in der Natur gerne? Was sehen wir nicht und was vernachlässigen wir? Was sagt das über unser Verhältnis zur Landschaft und unser Verhältnis zu dem Lebenden aus? Es wird darum gehen, die Art und Weise zu verstehen, wie unsere Wahrnehmung für das Leben und Lebendige aufgebaut wurde, um sich dann vorzustellen, wie wir es im Rahmen einer ökologischen Krise bereichern können.

Geologische Forschung und geerbte Landschaften: Die ökologische Perspektive zerlegt und erneuert die kulturellen Orientierungen unserer Gesellschaften. Die aktuellen (kurzfristigen) Maßnahmen verändern unsere Landschaften und unsere unmittelbare natürliche Umwelt nachhaltig. Das Projekt schlägt dem entsprechend vor, der Interdependenz des Menschen mit der Natur Rechnung zu tragen. Unser Handeln und das unserer so genannten “entwickelten” Länder sind Teil der Geologischen Zeitskala, d.h., dass sich die Folgen über Hunderte von Jahren (industrielle und chemische Abfälle, Kontamination der Biosphäre) bzw. Tausende von Jahren (Meeresspiegelanstieg, irreversible Ereignisse….) erstrecken. Die Verantwortung angesichts der zukünftigen Generationen und das ökologische Bewusstsein von heute destabilisieren unseren aktuellen, durch Individualismus geprägten Sinn für die Gegenwart und verlangen von uns, die Welt anders zu gestalten. Kunst wie Geologie können durch ihre Beiträge unsere Wahrnehmung der Welt bereichern und unsere menschliche Zeit ins rechte Licht rücken. Das Projekt wird daher diese beiden Universen durch die Erforschung der Gebiete erfragen. Das Projekt beinhaltet physisch im Feld zu sein, um fiktive Objekte zu finden, um ihnen Substanz zu verleihen und so andere Imaginäre zu schaffen: Was ist nachhaltiger Boden? Wie werden die Böden ausgebeutet? Und wie verändern sich die Böden durch unser Handeln? Welche Landschaften modellieren wir? Und welchen Zeitrahmen geben wir uns selbst? Der Mensch hat eine durchschnittliche Lebensdauer von 80 Jahren, aber seine Handlungen werden auf längeren Zeitskalen wahrgenommen. Das Projekt will daher durch grafische Erzählungen, die sich an bestehenden Landschaften orientieren, eine neue Naturkultur initiieren (die Reise führt durch den Schwarzwald mit seinen sogenannten “Urwäldern”) und stellt unser Verhältnis zur Natur und zu Lebewesen in Frage. Die grafische Praxis wird versuchen, mit der Natur anders zu denken und zu sein und sie anders wahrzunehmen, indem eine bestimmte Empathie ihr gegenüber entwickelt wird. Mein Ziel ist es, eine Vision der Welt zu zeigen, die sich selber konfrontiert.

Arbeitsweise: Indem ich meine plastische Forschungsarbeit auf diese Bereiche konzentriere, versucht das Projekt, sich von der ästhetischen und landschaftlichen Gestaltung einer “schönen” Natur zu lösen. Stattdessen neigt es dazu, die Art und Weise zu betrauern, wie wir unsere natürlichen und landschaftlichen Ressourcen nutzen. Dieses Projekt versucht daher, einen künstlerischen Ansatz zu erproben und in die Praxis umzusetzen, der auf der Transformation von Territorien basiert und Wege zur Reflexion über den ökologischen Wandel und die Anpassung an den Klimawandel bietet. Kunst kann helfen, sich andere imaginäre Welten vorzustellen. Es erlaubt uns, über andere Formen des Seins in der Welt nachzudenken und zu reflektieren und ihnen durch Geschichten und Fiktionen Substanz zu verleihen. Meine grafische Darstellung steht auch in der Tradition des historischen Radierens des 18/19. Jahrhunderts, als sie das Massenmedium war, um über die Auswirkungen der Zivilisation (1. Kolonisation, Phantasie des Ostens, ägyptische Landschaft….) nachvollziehbar zu berichten. Meine künstlerische Praxis wird daher als seismographische Schrift betrachtet und ist Teil eines Ansatzes, der der Radierung und ihrer Verbreitung nahe kommt. In unserer Zeit ersetzen Massenmedien die Radierung und verbreiten Botschaften in den sozialen Netzwerken. Mein schöpferisches Prinzip impliziert eine Annäherung an das besuchte Territorium, um es in verschiedenen Medien widerzuspiegeln (Radierung, Tusche auf Papier, Lithographie). Diese Erzählungen von Territorien, die vom Menschen bearbeitet wurden schlagen vor, den Betrachter einzuladen, an eine Welt in Verzerrung zu denken. Die verwendeten Medien (Kohle, Bleistift, Tinte) laden uns ein, uns den Zusammenhang zwischen meiner grafischen Praxis der Landschaft und den von mir durchquerten Gebieten vorzustellen. Schließlich möchte ich auf diesem Weg unsere Sichtweise auf unsere Umwelt und unser Gemeinwohl, die Natur, entwickeln und neu formulieren. In diesem Zusammenhang zielt das Projekt auch darauf ab, die deutsche Tradition der Landschaft zu hinterfragen und wie sie heute transformiert werden kann. Es geht also darum, die Sensibilität der Zuschauer zu nähren.

Diversität der Akteure und Kompetenzen: Das Projekt ist so strukturiert, dass es Wissen aus verschiedenen Disziplinen bündelt und Akteure mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenbringt, um die Entstehung neuer Kenntnisse und Praktiken zu fördern und den Austausch und die Aneignung von Wissen und Know-how zu ermöglichen. So wird die Route in Verbindung mit künstlerischen, kollektiven, institutionellen und wissenschaftlichen Netzwerken gestaltet. Das Treffen mit Geologen und Künstlern wird zur Entwicklung des künstlerischen Projekts und seiner Weiterentwicklung führen: Ausstellungen, Konferenzen zum Thema Umwelt, Veröffentlichungen und Vermittlung mit der Öffentlichkeit. Das Projekt ist als Kooperation zwischen den Geistes-, Natur- und Kunstwissenschaften konzipiert.

Die Route : Das Projekt beginnt und wird durch Wanderungen und Expeditionen, aber auch durch Treffen mit Aktivisten aus belasteten Gebieten genährt, um sich in eine grafische Herangehensweise und Produktion umzusetzen. Die Route startet in Frankreich, Mulhouse und wird nach Bure im Departement Meuse fortgesetzt und geht weiter diagonal nach Deutschland und Österreich. Mehrere Gebiete und Gebiete werden mit einem historischen Ansatz über die Auswirkungen des Menschen auf das Gebiet und die Landschaft besucht: – Bure (Grand Est): Projekt für Atommülldeponien – Altenberg (Sachsen): Zinnbergwerk (1620) – Hartz: paläoindustrielle Landschaft – Schwatz/Brixlegg (Österreich): Silberbergwerk (Österreich-Ungarisches Reich) – Eizenherz (Österreich): Eisenbergwerk (Stufenbergbau) – Eizenach (Hessen und Thüringen): Salzbergwerk – Schelma: Uranbergwerk – Heringen: Kohlebergwerk – Gorleben: Kohlebergwerk – Hambacher Forst – Asse Die Route durchquert die geerbten und kontrastreichen Landschaften Europas und spiegelt die Realität wider. Diese Reise wird auch in meiner künstlerischen Praxis ein bestimmender Faktor sein, um diese Sensibilität für Lebewesen weiter zu entwickeln. Es beinhaltet auch Momente des Atmens, in denen die Realität durch Zeichnen, Gravieren und Malen bearbeitet wird.

Methodik der Arbeit: Dieses künstlerische Projekt wird sich ab September 2019 entwickeln, dann im Jahr 2020 fortgeführt. Die Anreise erfolgt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Zeit, sich mit Künstlern und Institutionen zu treffen wird die Reise prägen. Es wird reisend sein, aber auch zu “Atemzeiten” führen, durch Auseinandersetzung mit anderen Kunstwelten, durch Besuche in Museen und Kunstkollektiven, die der Entwicklung der künstlerischen Tätigkeit förderlich sind. Die Ruhezeiten werden bevorzugt, um das anfallende Material zu produzieren und zu verarbeiten.

Vokabular, Bewertung und Restitution: Durch meine plastische und grafische Arbeit möchte ich den Willen und die Notwendigkeit zum Ausdruck bringen, unsere Beziehungen zur Welt zu erneuern, ihre Vielfalt, ihre Grenzen und ihre Beziehungssysteme zu erforschen. Diese Landschaften, die verschwinden sollen, sind für mich eine Quelle der Inspiration, Antizipation, Übersetzung, Wachsamkeit, Veränderung und Resilienz, eine grundlegende und unerschöpfliche Ressource, um den ökologischen Wandel zu begleiten und eine neue Beziehung zum Gemeinwohl aufzubauen. Diese grafische und ikonografische Annäherung an die Landschaft soll die Anliegen der Gesellschaft in Bezug auf neue soziale und ökologische Fragen widerspiegeln. Diese Arbeit wird zur Veröffentlichung eines Buches in Frankreich und Deutschland führen, das das gesamte gesammelte Material zusammenführt. Darüber hinaus werden die plastischen Kreationen zur Organisation von Ausstellungen in Frankreich und Deutschland führen und als Rahmen für die Mediation junger Menschen dienen. Das Projekt umfasst Maßnahmen zur Verbreitung der Ergebnisse, um sie mit der Gemeinschaft der interessierten Akteure zu teilen (Centre d’Initiation à la Nature et à l’Environnement / Parcs Nationaux et Régionaux / Galeries d’art).

Perspektiven der Weiterentwicklung: Um das Projekts zu einem Erfolg zu führen, werden auch andere Gebiete bedacht: – Bazidar (Tschechien): Auenbergbau aus dem 16. Jahrhundert. – Rosia Montana (Rumänien): Goldmine